|
FWG: Investition in die Zukunft der Gemeinde Veranstaltung der Freien Wählergemeinschaft Neustadt zur Jugendarbeit
NEUSTADT. Unter den Thema "Kippen, Alk´ und ´rumhängen - Jugendarbeit und Angebote in der Gemeinde Neustadt - welche Perspektiven kann die Kommunalpolitik schaffen?" führte die FWG Neustadt (Wied) eine Informations- und Diskussionsveranstaltung durch. Repräsentanten verschiedener Vereine aus Neustadt, der evangelischen Kirchengemeinde Vettelschoß-Neustadt und diverser Freier Wählergemeinschaften aus den Landkreisen Neuwied und Altenkirchen hatten sich mit der Jugendpflegerin für die Verbandsgemeinde Asbach, Jugendlichen aus der Ortsgemeinde und den Mitgliedern der FWG Neustadt zu einem regen Meinungs-, Erfahrungs- und Informationsaustausch im Neustädter "Wiedischen Hof" zusammengefunden.
Auch andere Freie Wählergemeinschaften hielten das Thema der Veranstaltung für wichtig genug, um an der Diskussion teil zu nehmen. Links Heinz Noethen von der FWG Asbach, rechts Heinz Schwarz von der FWG Dattenberg. | |
Als Teilnehmer mit besonderer Fachkompetenz war ebenfalls eingeladen Dr. Manfred Foerster, Hochschullehrer für Erziehungswissenschaften an der Universität Mainz. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der örtlichen FWG, Willi Winter und einer kurzen Einführung durch Pressesprecher Rainer Högner berichtete zunächst Jugendpflegerin Alexa Musch aus der Praxis kontinuierlicher Jugendarbeit in den ländlich strukturierten Gemeinden. Hierbei wurde deutlich, dass zwar ein breites Spektrum sinnvoller Freizeitangebote für die Jugend besteht, aber damit doch nur ein Teil der Jugendlichen erreicht werden kann. Die Gründe lägen zum Einen in der Vielzahl der zur Gemeinde gehörenden, teils sehr kleinen und weit auseinander liegenden Ortsteile, die z. B. die Erreichbarkeit von regelmäßigen Jugendtreffs durch die Jugendlichen erschwerten, zum Anderen müsste sich die Kommune aber auch überlegen, wofür sie ihre begrenzten Finanzmittel ausgebe. Vieles ließe sich in den Dörfern realisieren, wenn die Gemeinde im Stande wäre, z. B. eine zusätzliche Kraft auf 400-Euro-Basis einzustellen. Alexa Musch: "Mehr als ich zur Zeit anbiete, ist einfach aus Zeitgründen nicht möglich. Ich kann jede personelle Unterstützung gebrauchen." Diese Problematik konnte René Gromann, der Jugendleiter der evangelischen Kirchengemeinde, in vollem Umfang bestätigen. Auch er sieht sich zu hundert Prozent ausgelastet und betonte, dass es auch Grenzen für die hauptberuflichen Mitarbeiter gebe. "Ich kann mich nicht auch noch abends um elf Uhr zu den Jugendlichen auf die Straße stellen."
Auch Kirche, Jugend und Presse waren vertreten (v. l.): René Gromann, Jugendleiter der evgl. Kirchengemeinde Vettelschoß-Neustadt, jugendliche Mitglieder der Fernthaler Feuerwehr und Claudia Heland von der Rhein-Zeitung | |
In der Diskussion wurde von mehreren Teilnehmern ausgeführt, dass die Probleme, die durch unbeaufsichtige Jugendliche in den Dörfern entstehen, nur zum Teil durch Freizeitangebote der Vereine, Gemeinden und Kirchen gelöst werden können. Helmut Hecking von der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft in Rahms: "Die Jugendlichen, deren Eltern sich noch um sie kümmern und sie z. B. zu den Jugendtreffs fahren, sind ja gar nicht das Problem, sondern diejenigen, deren Eltern sich von ihrer Elternschaft und Verantwortung verabschiedet haben."
Einen wesentlichen Bestandteil der Diskussion bildete auch das Thema Rauchen und Alkoholmissbrauch in der Öffentlichkeit. Hier kristallisierte sich heraus, dass es für die Jugendlichen völlig "unproblematisch" ist, an Zigaretten und alkoholische Getränke zu kommen. Soweit die Ware nicht in Automaten angeboten werde, würden einfach ältere Jugendliche in die Läden geschickt, die dann die jüngeren mit Zigaretten und Spirituosen versorgten.
Ein Ladenbesitzer wusste von Eltern zu berichten, die ihre Kinder beauftragten, Zigaretten und Alkohol für sie ein zu kaufen und sich dann auch noch beschwerten, wenn er das Jugendschutzgesetz beachte.
Auch die "Alcopops", Mischgetränke mit einem Anteil Spirituosen, wurden als Problem erkannt. Sie seien ein perfekter "Schlüssel" der Spirituosenindustrie zur Erzeugung zukünftig regelmäßiger Konsumenten hochprozentiger Getränke.
Jugendliche aus Fernthal, Mitglieder der dortigen Feuerwehr, regten für ihren Ortsteil an, das derzeitige Bürgerhaus, das ja, wenn der geplante Neubau fertig gestellt sei, keine Verwendung mehr habe, als Jugendraum zur Verfügung zu stellen. Egon Buslei, stellvertretender Vorsitzender der FWG Neustadt aus Fernthal dazu: "Der Bedarf ist da. Ich habe den Jugendlichen schon einen privaten Raum zur Verfügung gestellt, aber das kann natürlich auf Dauer nicht die Lösung sein." Die Darstellung der gesellschaftlichen Gesamtsituation durch Dr. Manfred Foerster ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Die Jugendproblematik ist nur ein Symptom. Das eigentliche Problem ist ein Grad an Verrottung der gesamten Gesellschaft in diesem Land, der Lösungen praktisch nicht mehr ermöglicht." Und weiter: "Diese Gesellschaft steht nicht am Abgrund. Sie befindet sich bereits im freien Fall. Aus eigener Kraft kann sie sich eigentlich nicht mehr erholen."
Nachdenkliche Mienen gab es im Publikum bei manchem Beitrag zu beobachten. Nicht für jedes Problem in der Jugendarbeit gibt es auch eine praktikable und finanzierbare Lösung. (Hinten v. l.: R. Högner, Alexa Musch, W. Winter; vorne: M. Kick, P. Limbach [FWG Asbach], H. Noethen [FWG Asbach]) | |
Vergleiche mit unseren Nachbarstaaten - hier nannte Dr. Foerster insbesondere Frankreich, Belgien und die Niederlande - zeigten, dass in Politik und Gesellschaft dieser Länder eine wesentlich höhere Entscheidungskompetenz und -akzeptanz vorherrsche als bei uns. Nach Abschluss des offiziellen Teils der Veranstaltung konnte in vielen Einzelgesprächen festgestellt werden, dass die Teilnehmer Beiträge und Diskussion als ausgesprochen sinnvoll und informativ beurteilten, so dass die FWG Neustadt mit viel Optimismus an die Organisation der weiteren noch geplanten Veranstaltungen herangehen wird. Willi Winter: "Die Zeit und Arbeit, die wir in die Organisation dieser Veranstaltungsreihe stecken und speziell in diese Veranstaltung zum Thema ,Jugend´ gesteckt haben, sind Investitionen in die Zukunft unserer Gemeinde. Wir hoffen, damit auch andere Vereine und Verbände zu mehr Aktivität anzuregen."
Fotos: Heinz Roth |
|